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“Wer mit dem Stift schreibt, denkt klarer!”

Das sagt zumindest die Bestsellerautorin Cornelia Funke in einem sehr interessanten Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT, welches ich kürzlich las. Ich finde, so unrecht hat sie dabei gar nicht.

In jedem Fall hat mich die Lektüre dieses Gesprächs dazu bewegt, wieder deutlich mehr ‘Handarbeit’ zu leisten – mit Stift und Papier. Zumindest was das Skizzieren von Ideen und Strukturen angeht. Längere Textstücke schreibe ich natürlich nach wie vor im Schreibprogramm meiner Wahl am Rechner.

Wieder ein wenig mehr Stift und Papier – aber weshalb eigentlich?

Der Hauptvorteil des Entwerfens von Ideen und Strukturen von Hand ist für mich die dabei gefühlte Ungezwungenheit und ein gewisses Entkommen aus der Linearität, welche die meisten Schreibprogramme meiner Meinung nach doch aufzwingen. Natürlich gibt es sehr gute Outlining-Programme, MindMapping-Tools usw., welche hier Abhilfe schaffen – und für die Ausarbeitung von komplexen Entwürfen mit mehreren Ebenen und Verästelungen sicher besser geeignet sind als die ‘Handarbeit’ auf Papier. Der Nachteil bei diesen Programmen ist, dass die meisten eben immer nur ihr jeweiliges ‘Spezialgebiet’ draufhaben und man zwischen Anwendungen hin und her wechseln muss.

Von Hand lässt sich, wie ich finde, viel schneller und freier spontanen Gedanken, Ideen und Assoziationen über ein leeres Blatt hinweg in sämtliche Richtungen folgen. Zudem lassen sich in einem Zug bspw. unterschiedliche Farben, Strichstärken und Marker verwenden oder sich weiter entwickelnde Ideen mit PostIt’s hinzufügen u.ä.
Daneben steht noch ein psychischer Effekt, den ich sehr spürbar finde: Bei der Version Papier und Stift bin ich gewissermaßen ‘allein mit einer Idee’. Es gibt quasi nur das Blatt, den Stift und den Gedanken. In dieser Konstellation kann ich mich an etwas reiben und abarbeiten – etwas konzentriert durchdenken, mit Alternativideen/-konzepten spielen. Will ich eine zusätzliche Information heranziehen, muss ich mir schon die ‘Mühe’ machen vom Schreibtisch aufzustehen um bspw. an mein Bücherregal zu gehen. In jedem Fall ist nichts ‘nur einen Mausklick’ entfernt und zieht mich in die Welt der Hyperverlinkungen. Auch sind die digitalen Arbeitsflächen um ein Vielfaches voller an Optionen und Möglichkeiten, von denen ich in konzentrierten Momenten vieles nicht benötige. Ablenkende Fixationspunkte für das Auge bieten all die vielen Steuerelemente aber dennoch. Nicht umsonst gibt es “Fokussierung-Apps” für den Computer wie bspw. FocusMask. Ich benutze diese auch hin und wieder. Natürlich, “seinen Schreibtisch muss man ja auch aufräumen, sonst findet man im Chaos  ebenso wenig”. Stimmt. Aber das ‘digitale Chaos’ ist meinem Gefühl nach dennoch etwas anderes und schwerer zu bändigen, als lediglich ein paar Stapel Papier zur Seite zu schieben.

Inspiration zum Griff nach Stift und Papier

Oben angeführte Gedanken habe ich latent des öfteren. Das Interview mit Cornelia Funke hat mich allerdings, wie bereits angedeutet, doch dazu gebracht, mir einmal wieder etwas mehr Gedanken zum Schreiben von Hand zu machen. Untenstehend jene beiden Passagen aus dem Interview, die ich besonders interessant fand:

ZEIT: Können Sie den Unterschied beschreiben, wenn Sie eine Geschichte mit der Hand oder mit dem Computer verfassen?

Funke: Es gibt einen Unterschied, aber der ist sehr schwer zu erklären. Mit Stift und Papier ist man einfach wesentlich flexibler. […]

sowie

ZEIT: Stellen Sie sich vor, Sie hätten nie gelernt, mit der Hand zu schreiben, sondern nur das Tippen auf einer Tastatur. Wären Ihre Geschichten anders?

Funke: Ich habe jahrelang nur auf dem Computer getippt, und dabei sind sehr erfolgreiche Bücher entstanden. Aber als ich zum ersten Mal wieder mit der Hand ein Manuskript verfasste, hatte ich das Gefühl, dass mir jemand das Spielen zurückgegeben hatte. Die Hand macht einem deutlich, dass man mitten im Formulieren und Kreieren steckt.

ZEIT: Kann man das an der Tastatur nicht genauso erleben?

Funke: Ich finde, nein. Sobald man den Computer aufklappt, ist das Schreiben viel stärker organisiert, strukturiert und auf Effizienz getrimmt. Und der Rechner gibt einem die Illusion, es sei schon alles fertig und druckbar – einfach, weil es so aussieht. Davor warne ich junge Schriftsteller immer und ermuntere sie, erst mal von Hand zu schreiben. Ich glaube, dass man viel spontaner dabei wird, Ideen zu entwickeln. Dass man erst mal mehr mit dem Provisorium lebt. Und es ist näher am klassischen Erzählen, man sieht mehr Umwege, arbeitet stärker um die Geschichte herum.

Interviewauszüge aus: “Ich liebe das M.” Interview mit Cornelia Funke, geführt von Jeanette Otto und Katrin Hörnlein auf zeit.de, 09. Juli 2015.

2 Comments

  1. Ich gebe ihr tatsächlich Recht, allerdings schreibt man mit der Hand auch weniger detailliert. Zumindest ich. Ich bringe am Computer – weil ich schneller bin – um einiges mehr Beschreibungen in meinen ersten draft als per Hand.

    Man schreibt… anders.
    Allerdings schreibe ich auch lieber per Hand. 🙂 Also scheint das nicht das Ausschlaggebende zu sein. Für mich zumindest.

    Schöner Beitrag.

    • Scrively Scrively

      Stimmt, ja. Geht mir ähnlich. Ich schreibe von Hand vor allem dann oft gerne, wenn ich etwas strukturieren und auf’s Wesentliche reduzieren muss. Denn da ‘labere’ ich dann weniger herum und denke mehr nach. Wenn es allerdings darum geht, ‘Masse auf’s Papier zu bringen’ – v.a. schnell – oder sehr große Mengen zu strukturieren, nutze ich ohnehin Outliner oder MindMapping-Tools. Fand den Beitrag bzw. die Sichtweise aber auch sehr interessant.

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